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Jean-Paul Sartre Schreibstil

Geboren 21. Juni 1905Gestorben 15. April 1980

Analyse vom Redaktionsteam von Draftly · Aktualisiert am 15. August 2026

Sartres Figuren reden sich heraus, während ihre Hände sie verraten, und aus diesem Abstand entsteht der Druck seiner Szenen.

Schreiben wie Jean-Paul SartreSo funktioniert das Lektorat in Draftly

Übersicht zum Schreibstil

Übersicht zum Schreibstil von Jean-Paul Sartre: Stimme, Themen und Technik.

Ein Mann bückt sich, um einen flachen Stein übers Wasser springen zu lassen, spürt in der Hand etwas kippen und lässt ihn fallen. So beginnt Der Ekel, und die Szene zeigt bereits das Verfahren. Sartre setzt einen Körper an eine gewöhnliche Handlung. Danach lässt er die Handlung nicht gewöhnlich bleiben, und genau dort liegt die Arbeit der Prosa, denn Roquentin muss in sein Tagebuch schreiben, was der Stein mit ihm gemacht hat, und scheitert Eintrag für Eintrag daran, es schlicht zu sagen.

Jeder Erzähler bei Sartre führt einen Prozess. Zuerst kommt die Wahrnehmung, konkret und ungedeutet, dann folgt ein zweiter Satz, der sagt, was diese Wahrnehmung über den beweist, der sie hat. Der zweite Satz kostet etwas. Pablo Ibbieta wartet in Die Mauer auf seine Erschießung und sieht zu, wie ein belgischer Arzt sich zu den Verurteilten setzt und Notizen macht, und er begreift dabei, dass er längst ein Gegenstand in fremden Aufzeichnungen ist. Der Leser bekommt den Stuhl des Arztes.

Das Recht auf diesen zweiten Satz hat Sartre sich erschrieben, indem er ihn bei anderen einklagte. In seinem Aufsatz über François Mauriac wirft er dem älteren Kollegen vor, über seiner Heldin zu stehen und ein Urteil auszuteilen, statt sie in der Szene frei zu lassen. Der Vorwurf ist handwerklich gemeint. Wer eine Figur erklärt, hat den Fall geschlossen, bevor der Leser überhaupt in die Jury durfte, und Sartres eigene Romane verwenden ihre Kraft darauf, den Fall offen zu halten, während sich die Indizien häufen.

Zwei Dinge lassen sich auf den eigenen Schreibtisch mitnehmen. Erstens: Denken ist eine Handlung. Wer räsoniert, verteidigt sich meistens, und diese Verteidigung lässt sich timen, unterbrechen und überführen wie eine laut ausgesprochene Lüge. Zweitens: Beschreibung ist Beweismaterial. Ein Detail, das später niemandem schaden kann, streicht Sartre.

Schreiben wie Jean-Paul Sartre

Schreibtechniken und Übungen, um Jean-Paul Sartre nachzuahmen.

  1. 1

    Schreib das Alibi vor der Tat

    Gib deiner Figur einen Absatz Selbstverteidigung, und mach ihn gut. Keine schwache Ausrede, sondern eine überzeugende, die du einem Freund abnehmen würdest. Geh danach zurück in die Szene und setze eine kleine körperliche Sache dagegen: eine Hand, die in die Tasche fährt, ein Name, der umgangen wird, ein Stuhl, der vom Fenster weggedreht steht. Zeig nicht auf den Widerspruch. In Die Mauer erfindet Pablo Ibbieta ein Versteck, um seine Vernehmer auf einen falschen Weg zu schicken, und die Pointe ist, dass die Lüge zutrifft. Er erfährt es im Hof von einem Bäcker, den er kennt, und antwortet mit Lachen. Schreib die Lücke. Das Schließen überlässt du dem Leser.

  2. 2

    Setz Schritte auf den Flur

    In Das Sein und das Nichts steht eine Szene, die man ohne schlechtes Gewissen stehlen darf. Ein Mann kniet am Schlüsselloch, ganz in seiner Eifersucht, und es gibt darin kein Ich, nur den Flur, das Licht und das, was er sieht. Dann hört er einen Schritt hinter sich. Er wird zu jemandem, der an einer Tür kniet, mit Körper, Haltung und Namen, und ausgelöst hat diese Verwandlung ein Geräusch. Nimm die Bauform. Schreib einen Absatz reiner Vertiefung, brich ihn mit einem einzigen Zeugen, und beschreibe nur, was sich in den nächsten zwei Sekunden am Körper ändert.

  3. 3

    Gib dem großen Wort etwas zu tragen

    Nimm einen deiner Sätze mit Freiheit, Schuld, Identität oder Verantwortung darin. Häng ihn im nächsten Satz an einen Gegenstand, und lass die Figur diesen Gegenstand anfassen. Sartre macht das ständig: eine Tür, ein Brieföffner, ein fehlender Spiegel, eine Bronze, die immer wieder berührt wird. Die Probe ist das Streichen. Nimm das abstrakte Wort aus dem Absatz heraus. Weiß der Leser trotzdem, was mit der Figur passiert ist, hat der Gegenstand gearbeitet. Wird der Absatz leer, hast du dich auf Vokabular verlassen.

  4. 4

    Streich den Trost, nicht die Härte

    Suche im Entwurf gezielt nach den Sätzen, die den Leser entlasten. Die Zeile, die eine Grausamkeit mit einer Kindheit erklärt, der Einschub, der eine Entscheidung abmildert, die Zusammenfassung, die versichert, die Figur habe ihr Bestes gegeben. Streich die Hälfte davon. Die Kindheit eines Chefs funktioniert, weil Sartre Lucien aus geborgten Meinungen sich selbst zusammensetzen lässt, ohne dass irgendwo ein Erzähler anmerkt, dass das schiefgeht. Das Urteilen bleibt beim Leser. Lass die andere Hälfte stehen. Ein Text ohne jedes Polster wird zur Beweisführung, und gemeint ist ein Leser, dem der Boden wegkippt, nicht einer, der sich belehrt fühlt.

  5. 5

    Bau den Raum so klein, dass nur Gesichter bleiben

    Verkleinere den Schauplatz, bis die Figuren nirgendwo anders hinsehen können als aufeinander. Geschlossene Gesellschaft ist der Extremfall, drei Menschen in einem Salon, Licht an, Tür zu, und diese Enge ist zuerst eine technische Entscheidung und erst danach ein Bild. Denselben Effekt liefern ein Auto, ein Aufzug, ein Krankenhausflur um vier Uhr morgens. Bezahlt wird die Enge mit Gesichtern. Sobald der Raum zusammenfällt, trägt ein Mundwinkel oder ein Blick zum Boden, was vorher eine Seite Innenschau tragen musste, und der Text wird gleichzeitig schneller und härter.

Jean-Paul Sartres Schreibstil

Aufschlüsselung von Jean-Paul Sartres Schreibstil: Satzstruktur, Ton, Tempo und Dialog.

Satzstruktur

Zwei Rhythmen laufen gegeneinander. Kurze Hauptsätze setzen den Sachverhalt, dann steht ein langer Satz auf und widerspricht, mit Einschränkungen, Bedingungen und Nachträgen, bis die Figur sich in eine Lage geredet hat, aus der sie nicht mehr hinauskommt. Im ersten Band der Wege der Freiheit sucht Mathieu Geld für Marcelle und begründet den ganzen Roman hindurch, warum jeder einzelne Weg dorthin versperrt ist. Diese Begründungen sind Grammatik. Der Schreibstil von Jean-Paul Sartre baut sie aus Nebensätzen, die immer noch eine Bedingung nachschieben, und man hört jemanden, der eine Mauer von innen abstützt. Dann kommt ein kurzer Satz und reißt sie ein. Lies die beiden Längen als zwei Stimmen, eine feststellende und eine sich verteidigende, dann hört die Syntax auf, Dekor zu sein.

Wortschatz-Komplexität

Einfache Wörter für Dinge, Fachbegriffe erst, wenn die Szene sie bezahlt hat. Die berühmte Stelle über den Kellner in Das Sein und das Nichts beginnt als reine Beobachtung: eine Spur zu schnell, eine Stimme mit etwas zu viel Diensteifer, das Tablett in einem Gleichgewicht, das ein Seiltänzer gewählt hätte. Erst danach fällt der Begriff. Der Mann spielt Kellner, und wenn der Satz das Spiel benennt, hat man es längst gesehen. Die Reihenfolge zählt mehr als der Wortschatz. Steht das abstrakte Wort vor dem Körper, entsteht ein Essay. Steht es danach, entsteht eine Szene.

Ton

Ruhig, und dabei enger werdend. Die Stimme hebt sich nicht, denn Lautstärke würde einräumen, dass der Leser widersprechen könnte. Ironie ist seine Wärmequelle, und die stärkste Dosis bekommt er selbst: In Die Wörter führt ein Kind seine Klugheit vor dem Großvater vor, und der Erwachsene, der das aufschreibt, weigert sich, die Vorstellung niedlich zu finden. Diese Weigerung ist der Ton. Zärtlichkeit gibt es bei ihm. Sie kommt spät, nach der Abrechnung, und wiegt deshalb mehr.

Tempo

Die Zeit dehnt sich dort, wo jemand festgelegt wird, und fällt überall sonst zusammen. Roquentin kann seitenlang in einem Nachmittag im Café bleiben und verliert eine Woche in einem Nebensatz. Dahinter steckt eine einfache Regel. Sartre wird langsam, sobald ein Selbstbild auf dem Spiel steht, und deshalb dauert die Nacht im Sumatra im ersten Band der Wege der Freiheit so lange: Ivich schneidet sich die Handfläche auf, Mathieu sieht sich selbst beim Entscheiden zu, und dann treibt er die Klinge durch die eigene Hand, um sich zu beweisen, dass er es kann. Äußerlich passiert nichts. Das Tempo sagt, wo die Einsätze liegen, und es trägt nur, weil das körperliche Detail vorher geliefert wurde.

Dialogstil

Gesprochen wird um Benennungen. Hugo und Hoederer streiten in Die schmutzigen Hände darüber, was ein Mord wäre, denn wer das Wort gewinnt, gewinnt die Tat. Hoederer redet von Händen und von Dreck. Hugo redet von Grundsätzen, und jedes Mal, wenn er nach dem höheren Wort greift, greift er zugleich nach einer Möglichkeit, sauber zu bleiben. Das Stück lässt es hören, ohne es auszusprechen. In Geschlossene Gesellschaft wird derselbe Kampf häuslich: Estelle braucht jemanden, der ihr sagt, wie sie aussieht, und Inès nennt den Preis. Gib jeder Figur eine Definition, die sie verteidigen muss, dann wird aus der Replik ein Zug statt einer Mitteilung.

Beschreibungsansatz

Beschrieben wird bei Sartre, was jemanden belasten kann. Die Kastanienwurzel im Stadtpark ist der berühmte Fall, und sie funktioniert, weil die Wurzel sich der Aufgabe verweigert, die Roquentin ihr zuweisen will. Die Beschreibung handelt dann nicht mehr von seiner Stimmung, sondern von einem Ding, das sich nicht zusammenfassen lässt. Dagegen der Raum in Geschlossene Gesellschaft: Möbel des Second Empire, eine Bronze auf dem Kamin, kein Spiegel und keine Lider. Das ist das Stück als Inventarliste. Sartre wählt Dinge aus, mit denen eine Figur später leben muss, und was nicht wiederkommen kann, bleibt liegen.

Charakteristische Schreibtechniken

Charakteristische Schreibtechniken im Werk von Jean-Paul Sartre.

Das Alibi in der Stimme der Figur

Die Erzählung übernimmt die Ausrede der Figur und referiert sie als Sachverhalt. James Wood nennt das allgemeine Verfahren erlebte Rede und stellt die brauchbare Frage dazu: Wem gehört dieses Wort? Sartre treibt die Frage weit. Wenn Roquentins Tagebuch erklärt, warum er das Buch über Rollebon liegen lässt, klingt die Erklärung nach der Lage der Dinge, bis man merkt, dass genau so jemand spricht, der der Arbeit nicht mehr gewachsen ist. Der Satz hält beide Lesarten aus, ohne sich zu entscheiden. Referiere die Selbstrechtfertigung geradeaus, in der Stimme dessen, der sie braucht, und lass ein Detail an anderer Stelle widersprechen.

Der Umschlag zum Beobachtetwerden

Aus jemandem, der handelt, wird jemand, dem beim Handeln zugesehen wird. Der Wechsel ist schnell und körperlich, und Sartre legt ihn auf den Satz, sodass man spürt, wie sich eine Person für ein Publikum neu zusammensetzt. Estelle kann sich in Geschlossene Gesellschaft nicht sehen und bittet Inès, ihr Spiegel zu sein. Inès sagt zu und beschreibt ihr einen Pickel. Die Macht wandert in einer Zeile. Das gelingt, wenn die beobachtende Figur ein eigenes Interesse hat, und es stirbt, sobald sie nur hereingeschoben wurde, um die Temperatur zu heben.

Der Gegenstand, der sich nicht fügt

Charles Baxter warnt vor dem Schauplatz, der nur die Figur spiegelt, vor dem traurigen Mann unter traurigen Bäumen. Sartres beste Gegenstände brechen dieses Muster, weil sie sich weigern, das zu bedeuten, was die Figur braucht, und daher rührt ihre Bedrohlichkeit. Die Kastanienwurzel ist nicht traurig. Sie liegt da und ist mehr als jedes Wort, das Roquentin für sie hat, und sein Scheitern beim Benennen ist das Ereignis der Szene. Die Beschreibung trägt damit das Argument, das sonst ein Essay liefern müsste. Nimm einen Gegenstand pro Szene und lass ihn die Deutung überleben.

Die eingestandene Tat

Sartre beendet Szenen damit, dass jemand laut und in der falschen Gesellschaft übernimmt, was er getan hat. Orest nimmt am Ende von Die Fliegen die Morde auf sich und verlässt Argos, die Fliegen im Rücken, und die Weigerung, sich zu entschuldigen, ist der ganze Schluss. Der Zug kostet keine neue Information und ist trotzdem schwer zu schreiben. Schwer, weil die Figur die Selbstauskunft aufgeben muss, die sie die ganze Zeit gepflegt hat. Bau auf den Satz zu, in dem jemand aufhört zu sagen, es sei passiert, und anfängt zu sagen, er habe es getan.

Das Etikett von außen

Bei Sartre werden Menschen von anderen benannt und richten sich anschließend in der Benennung ein. In seinem Buch über Jean Genet liest er eine solche Szene als Ursprung eines Lebens: Ein Kind greift in eine Schublade, jemand sagt Dieb, und das Kind beschließt, das zu sein. Lucien Fleurier in Die Kindheit eines Chefs kommt auf demselben Weg zu einem Ich, nur aus geborgten Meinungen statt aus einem einzigen Wort. Gib der Figur ein Wort, das jemand über sie gesagt hat, und lass sie es später gegen sich selbst verwenden. Das Etikett muss ungefähr passen, sonst schüttelt die Figur es zu leicht ab.

Der Körper als Gegenzeuge

In Die Mauer stellt Pablo fest, dass sein Hemd durchnässt ist, obwohl er keine Angst zu haben glaubt, und der belgische Arzt sieht es ebenfalls. Der Körper widerspricht dem Bericht, den die Figur über sich führt, und Sartre lässt den Widerspruch unaufgelöst stehen. Das ist billiger und wirksamer als jede Introspektion. Schweiß, Zittern, ein zu fester Griff, eine Stimme, die eine Terz zu hoch sitzt: Solche Zeichen kann eine Figur nicht kommentieren, ohne sich noch tiefer zu verwickeln. Halte sie klein. Ein einziges körperliches Dementi pro Szene reicht, zwei nehmen sich gegenseitig die Kraft.

Stilmittel, die Jean-Paul Sartre verwendet

Stilmittel, die Jean-Paul Sartres Stil definieren.

Simultanschnitt

Der Aufschub erzählt die Woche der Münchner Krise, indem er innerhalb eines Absatzes zwischen Figuren schneidet, manchmal innerhalb eines Satzes, sodass ein Mann in Paris und ein Mann auf einer Landstraße im Süden denselben Atemzug teilen. Sartre hat das Verfahren bei Dos Passos gefunden, über den er mit offener Bewunderung geschrieben hat, und er nutzt es für einen bestimmten Effekt: Eine private Entscheidung sieht anders aus, wenn hundert andere gleichzeitig entscheiden. Der Schnitt verschafft Größenordnung ohne Erklärung. Er nimmt außerdem die Ausrede der Privatheit, denn keine Figur darf hier allein denken. Schlecht gemacht wirkt das wie ein Kunststück. Hier trägt es, weil jeder Schnitt auf einem Menschen landet, der etwas mit den Händen tut.

Das Tagebuch als Beweisstück

Der Ekel gibt sich als gefundenes Heft aus, mit einer Notiz der Herausgeber und mit Wörtern, die als unleserlich markiert sind. Dieser Apparat arbeitet. Ein datierter Eintrag kann dem vorherigen widersprechen, eine Streichung zeigt einen Mann, der an seiner eigenen Akte redigiert, und der Leser bekommt die Position dessen, der ein Dokument prüft, statt der Position dessen, dem erzählt wird. Roquentin ist sein eigener unzuverlässiger Zeuge. Das erlaubt Sartre den inneren Monolog ohne die Weichheit, die der innere Monolog sonst mitbringt. Ein erklärender Erzähler wäre die Alternative. Hier bleibt die Erklärung mit Absicht halbfertig, und in den Lücken arbeitest du.

Rückblickende Ironie

In Die Wörter benotet die ältere Stimme das Kind, das sie einmal war, und die Benotung ist zugleich erbarmungslos und komisch. Er zeigt einen Jungen, der lernt, dass Vorführen die Erwachsenen entzückt, dann vorführt, dann an die Vorführung glaubt, und das Buch verzeiht keine dieser Stufen. Zwei Zeitebenen teilen sich die Seite. Damit lässt sich die Entstehung eines Ich beschreiben, ohne eine einzige Zeile Psychologie, weil das Urteil im Tempus sitzt, in der Platzierung eines trockenen Adjektivs, in der Weigerung des Älteren, wegzusehen. Der Abstand ist das Werkzeug. Mit ihm wirst du im selben Nebensatz zärtlich und vernichtend.

Die verweigerte Tür

Garcin bekommt die Tür auf. Das ganze Stück lang wollte er aus diesem Salon hinaus, das Schloss gibt nach, der Flur liegt offen, und er bleibt. Damit wird der Raum von einer Strafe zu einer Wahl, und das Stück landet seine These, ohne eine These auszusprechen. Der Kunstgriff ist übertragbar. Gib einer Figur einen echten Ausweg genau dann, wenn sie am lautesten über ihre Lage klagt, lass sie ablehnen und schreib mit, was sie danach sagt. Die Ablehnung muss stumm bleiben. Sobald jemand erklärt, warum er geblieben ist, steht das Thema an der Wand, und der Leser glaubt der Erklärung statt der Weigerung.

Nachahmungsfehler

Häufige Fehler beim Nachahmen von Jean-Paul Sartre.

Den Essay schreiben und ihn Kapitel nennen

Bei einem Denker ist die Versuchung groß, das Denken von der Leine zu lassen und zu hoffen, dass der Leser mitkommt. Sartre bezahlt seine Abstraktion damit, dass ein Körper im Bild bleibt, auch dort, wo er am essayistischsten wird. Das Museumskapitel im Ekel beweist es: Roquentin geht an den Porträts der Honoratioren entlang, und was wie eine Abhandlung über das Bürgertum aussieht, ist ein Mann, der von Gesicht zu Gesicht geht und die Fassung verliert. Der Leser behält einen Raum zum Stehen. Nimmt man ihm den Raum, hat die Prosa nichts mehr, wogegen sie drücken kann, die Sätze werden länger, die Behauptungen größer, und irgendwann redet der Text zur Decke. Nachdenken ist in seinen Romanen die Fortsetzung des Handelns, Denken als Selbstverteidigung unter Druck, und es hört auf zu funktionieren, sobald es niemandem mehr gehört.

Die Düsternis kopieren

Seine Bücher sind komischer als ihr Ruf. Die Mauer endet damit, dass ein Mann lacht, bis er nicht mehr stehen kann, und der Autodidakt im Ekel, der die Stadtbibliothek in alphabetischer Reihenfolge durcharbeitet, ist zuerst eine komische Figur und erst danach eine traurige. Düsternis ist ein Urteil, und ein früh gefälltes Urteil beendet die Untersuchung, weil der Leser aufhört, auf Indizien zu achten. Außerdem verliert die Figur ihre Beweglichkeit. Wo alles verloren ist, wiegt keine Entscheidung mehr etwas, und Sartres Bauweise hängt daran, dass Entscheidungen wiegen. Sein Dunkel entsteht daraus, dass jemand schlecht wählt und dabei behauptet, er habe gar nicht gewählt.

Selbstbetrug benennen statt ihn bauen

Charles Baxter hat für die Prosa, die dabei entsteht, eine Formel: Es wurden Fehler gemacht. Gemeint ist der Satz, der ein Unrecht ohne Täter meldet, und Baxter verfolgt, was mit einer Geschichte passiert, deren Personen nicht mehr handeln, sondern behandelt werden. Die Folgen versickern, und die Details verlieren ihre Rangordnung. Das Etikettieren ist derselbe Fehler auf kurze Distanz. Schreib stattdessen die Stufen: die Behauptung, die Tatsache, die nicht dazu passt, die Reparatur, den Preis der Reparatur. Sartre setzt den Leser einen halben Schritt vor die Figur, sodass wir zuerst ankommen und dann zusehen, wie die Figur nachkommt. In diesem Rückstand liegt das Vergnügen.

Den Blick als Zusammenbruch spielen

Die Szene des Gesehenwerdens ist kein Einsturz. Sartre schreibt sie als Korrektur, und Korrekturen sind klein: Die Stimme geht eine Lage tiefer, der Satz wird kürzer, eine Hand sucht sich eine Beschäftigung. Wer laut spielt, gibt auf einer Seite aus, was über fünfzig hätte reichen können. Die Eingeschlossenen von Altona ist die lange Fassung desselben Drucks: Frantz sitzt seit Jahren oben im Haus und spricht Reden auf Band, gerichtet an ein Tribunal der Zukunft, während die Familie unten die Verabredung aufrechterhält, die ihn dort hält. Geschrien wird nicht. Der Druck hält, weil die Reaktionen glaubhaft bleiben, und ein Leser folgt einer Figur, die eine unerträgliche Tatsache verwaltet, viel länger als einer Figur, die sie verkündet.

Bücher

Entdecke Jean-Paul Sartres Bücher und die Geschichten, die Stil und Stimme geprägt haben.
  • Der Ekel

    Der Ekel

Häufig gestellte Fragen

Häufige Fragen zu Jean-Paul Sartres Schreibstil und Techniken.
Wie hat Jean-Paul Sartre gearbeitet, und was lässt sich handwerklich davon übernehmen?
Er arbeitete gleichzeitig in mehreren Formen, und die Formen ernährten einander. Der Kellner und der Mann am Schlüsselloch sind Szenen, und sie stehen in einem philosophischen Buch. Das verrät etwas über seine Entwurfsarbeit: Das Argument entsteht als Auftritt, als Stellung im Raum, als Geste, bevor es als Behauptung auftaucht. Übernimm die Gewohnheit, nicht den Tagesablauf. Schreib zuerst das Beispiel, mit einem Raum darin und mit Händen darin, und finde danach heraus, was du eigentlich behauptet hast. Weigert sich der Moment, eine Behauptung herzugeben, hast du mehr gelernt als durch jede Behauptung. Die Theaterstücke stammen aus demselben Reflex, weil eine Bühne die Abstraktion in Körper zwingt und ihr eine Spieldauer gibt.
Wie baut Jean-Paul Sartre Szenen, ohne dass sie zu Traktaten werden?
Er baut auf den Moment zu, in dem eine Figur nicht länger zwei Dinge gleichzeitig sein kann. Die schmutzigen Hände zeigen das am klarsten, denn die Rahmenhandlung fragt, ob Hugo noch zu gebrauchen ist, und jede Szene im Inneren verengt die Antwort. Der Anfang ist harmlos: ein Glas, ein Auftrag, ein Gespräch über Arbeit. Dann taucht etwas auf, das Neutralität teuer macht. In der Mitte versucht die Figur zu steuern, wie das Geschehen später heißen wird, und am Ende steht eine kleine, nicht rückholbare Tatsache: eine Beschämung, eine Lüge, die aushärtet, eine Tür, die zufällt. Handlung heißt bei Sartre, dass die Zahl der Rollen schrumpft, die jemand noch für sich beanspruchen kann.
Wie schreibt man über Freiheit und Verantwortung, ohne zu predigen?
Predigt entsteht aus dem ausgesprochenen Schluss, nicht aus der Überzeugung. Sartre behält seine Autorität, weil er die Beweise aufbaut und die Figur vor unseren Augen nach der Ausrede greifen lässt. Achte darauf, was jemand nicht sagt. Achte darauf, was er tut, sobald ein Fremder den Raum betritt, und worauf er es schiebt: aufs Wetter, auf die Nerven, auf die Uhrzeit. Freiheit spürt ein Leser in der Lücke zwischen dem Bericht und der Tat, und solange diese Lücke steht, darf die Lehre vollständig unausgesprochen bleiben.
Was lässt sich vom Blick und von der Scham bei Jean-Paul Sartre lernen?
Scham ist bei Sartre ein Schalter, keine Stimmung. In dem Augenblick, in dem eine Figur sich beobachtet fühlt, wechselt sie die Taktik, und dieser Wechsel ist der Text: Haltung, Lautstärke, der plötzliche Witz, die plötzliche Schärfe, die Hand am Kragen. Charles Baxter beschreibt dasselbe von der Handwerksseite, wenn er sagt, Mimik werde genau dann wichtig, wenn der Raum eng geworden ist und es nichts anderes mehr zu betrachten gibt. Schreib zuerst den Körper. Schreib danach die Erklärung, und lass sie ein wenig falsch sein, weil die Person, die sie liefert, am Ergebnis beteiligt ist. Diese Reihenfolge trennt eine Szene mit einem Blick darin von einem Absatz über das Beurteiltwerden.
Wie schreibt man wie Jean-Paul Sartre, ohne nur den Oberflächenstil zu kopieren?
Das Kostüm besteht aus abstrakten Substantiven und strengem Ton. Die Mechanik ist eine Reihenfolge: Wahrnehmung, dann Deutung, dann eine Entscheidung, die etwas kostet, das Ganze unter sozialer Hitze. Nimm die Reihenfolge und behalte deinen Wortschatz. Drei Auflagen bringen dich weit: Jede Reflexion muss sich an einem Gegenstand ausweisen, jede Szene muss sich auf eine Entscheidung verengen, jede Selbstbeschreibung muss durch ein einziges widersprechendes Detail angreifbar sein. Deine Sätze dürfen deine bleiben.
Wie funktionieren Dialoge bei Jean-Paul Sartre?
Die Figuren streiten darüber, wie eine Tat heißen soll, und wer die Benennung durchsetzt, hat den moralischen Boden. Liebe oder Kontrolle. Ehrlichkeit oder Grausamkeit. Notwendigkeit oder Wahl, und wessen Wort angenommen wird, der hat still umgeschrieben, was die beiden getan haben. Rede dient bei ihm auch als Tarnung, weshalb das sauberste Argument im Raum meist das verdächtigste ist und die Sauberkeit als Symptom gehört werden soll. Schreib Dialoge so, dass jede Figur eine Version ihrer selbst verteidigt, und leg eine Lüge in den Raum, deren Benennung sich eine von ihnen nicht leisten kann.

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